Gröden ist kein idyllischer Sonderfall – sondern ein kulturgeschichtlich gewachsenes Freiluftlabor in den Dolomiten. Seit über 300 Jahren prägt die Kunstschnitztradition, insbesondere in der sakralen Kunst, das Selbstverständnis des Tales. Doch was einst Handwerk war, ist Teil eines internationalen Kunstdiskurses geworden. Rund zwei Dutzend Künstler*innen aus diesem kleinen Alpental sind heute in renommierten Galerien weltweit vertreten. Das ist kein folkloristischer Zufall – aber auch kein strategisch durchinszeniertes Erfolgsmodell.
Im Gespräch mit Bildhauern wie Bruno Walpoth und Ivo Piazza stellt Kulturelemente die Frage: Wie stark ist die individuelle künstlerische Position, wenn sie sich in einem starken kollektiven Umfeld entwickelt? Entsteht Qualität nicht trotz, sondern durch Dichte? Besteht dort, wo viele ernstzunehmende Positionen nebeneinander bestehen, kein provinzieller Schulterschluss, sondern produktive Reibung? Ein Wettbewerb, der antreibt, ohne Ellbogenprinzip?
Der „Grödner Weg“ wurde offenbar nicht bewusst konzipiert. Vielleicht gibt es ihn gar nicht, so wie der Troi Paian, der Grödner „Weg der Heiden“, ein Wanderweg ist, der nichts mit Ungläubigen zu tun hat.
Die aktuellen künstlerischen Positionen sind aus einer langen Tradition handwerklicher Präzision erwachsen, aus generationsübergreifender Praxis, aus institutionellen Strukturen wie UNIKA – und aus dem Selbstverständnis, gemeinsame Fragen der Gegenwart zu stellen. Ein regionales Fundament, das internationale Anschlussfähigkeit ermöglicht.
Doch jede Erfolgsgeschichte birgt Gefahren.
Wie bleibt ein künstlerisches Ökosystem beweglich, ohne zur Marke zu erstarren? Und wie behauptet sich ein alpines Zentrum zeitgenössischer Kunst in einem globalisierten Markt? Die Zukunft der Kunst in und aus Gröden wird nicht zuletzt davon abhängen, ob es den kreativen Köpfen dieses Tales gelingt, den künstlerischen Dialog in die neue Zeit zu tragen.
Haimo Perkmann
