#174: Die Mitte

Im Kulturbetrieb wird häufig die Exzellenz gesucht und besprochen, selten wird in ihrem Schatten der Stellenwert des Mittelmaßes, mithin der Mittelmäßigkeit für unser Kulturschaffen mitgedacht. Ist es aber nicht gerade die Mittelmäßigkeit, die sich durchsetzt? Besteht die große Kunst in einem Wurf nicht gerade darin, genau die Mitte zu treffen? Dorthin zu zielen, wo sich alle Linien treffen, wo es den maximalen Schnittpunkt und die größtmögliche Berührung gibt. Chapeau! Es ist die Mitte!

Sind es nicht die mittelmäßigen Ideen und Formen – ironischerweise das „Beste der Mittelmäßigkeit“, das am wenigsten aneckt und doch den Eindruck erweckt, kritisch zu sein – welche die Menschen ansprechen, auf Zustimmung stoßen und vielleicht auch trefflich den Zeitgeist abbilden?

Was befindet sich in der breiten Mitte? Ist dort das Herausragende anzutreffen? Ist das seichte Wasser nicht gerade das tiefste, undurchsichtigste Wasser, wo am meisten Fische schwimmen?
Wer ist erfolgreich in diesem Teich der vielen Fische? Was lässt sich verkaufen? Wonach gieren Musikmarkt, Kunstmarkt, Social Media und der Markt im Allgemeinen? Einen hohen Stellenwert besitzen die Superlative und das Mediokre mit Wiedererkennungswert, das sogenannte Markenzeichen.

Wie wichtig sind für uns als Gesellschaft exzellente kulturelle und künstlerische Leistungen, die sich in
intensiver Konkurrenz zueinander befinden? In vielen Kontexten scheint das Nachahmenswerte ausreichend zu sein. Anders gefragt: Folgen nicht die meisten von uns dem Mittelmaß, wiewohl sich Kulturschaffende fast ausnahmslos als nicht mittelmäßig positionieren?

Demokratische Entscheidungsprozesse, aber auch Wettbewerbsjurys konstituieren ihre Entscheidungen häufig auf Konsens. Wählen sie damit nicht apriorisch die Mitte unter den gegebenen Möglichkeiten? Werden Spitzen und Tiefen solcherart überhaupt ausgeforscht? Und ist es möglich, entlang der Demarkationslinie des Durchschnittlichen einen fruchtbaren Kulturbegriff des Mittelmaßes zu entwickeln?

Hannes Egger / Haimo Perkmann

Hinterlasse einen Kommentar