Systemrelevanz
Seit der Coronavirus-Pandemie 2020 und 2021 scheint vielen klar geworden zu sein: „Kultur ist
systemrelevant.“ Aber was bedeutet das? Von welchem System reden wir? Machen wir einen Zeitsprung: „Beim Einsetzen des Voralarms (…), nicht erst beim Alarm selbst, muss das Konzert laut polizeilicher Anordnung sofort beendet werden“, kündigte die erste Seite des Programmhefts der Konzertsaison 1943/1944 der Berliner Philharmonie an. Den Auftakt machte am 27. Juli der Lieblingsdirigent des Führers, Wilhelm Furtwängler mit der Coriolan-Overtüre von Beethoven, der zusammen mit seinen Musikern ein musikalisch-tektonisches Beben erzeugte. Damit wollte er „sanft bezwingend und trostreich die Stimme der ewigen deutschen Musik erklingen lassen“.
Eine weitere Geschichte aus jener Zeit, in welcher die Kunst eine systemrelevante Aufgabe zu erfüllen hatte, betrifft das Leningrader Rundfunkorchester. Es stellte einen Hoffnungsträger während der mehr als zehn Monate dauernden Belagerung von Leningrad dar. Von oberster Stelle erhielt Karl Eliasberg im Frühjahr 1942 den Befehl, die Symphonie Nr. 7 von Dimitri Schostakowitsch aufzuführen und damit zu zeigen, dass die Stadt lebt. Von den ca. 80 benötigten Musikern waren 25 bereits tot. Der Mythos besagt, dass dieses Konzert den Kriegsverlauf gegen Nazi- Deutschland maßgeblich beeinflusste.
Was verstehen wir heute unter Systemrelevanz von Kunst und Kultur? Während des pandemischen Bienniums mit seinen Lockdowns wurde vermehrt darüber gesprochen, denn die künstlerische Kreativität half vielen Menschen daheim durchzuhalten. Dies zeigte einmal mehr, wie sehr Kultur zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehört. Ebenso wurde klar, dass die Kulturschaffenden nicht von Luft und Liebe leben und Planungssicherheit benötigen, um kreativ zu sein. Nicht zuletzt nehmen sie seit dieser Zeit vermehrt selbst das Heft in die Hand und setzen sich konkret für ihre Interessen ein. Wir haben Expert*innen befragt, wie sich dieser Diskurs entwickelt.
Hannes Egger / Haimo Perkmann
