#186-187: Die Herrin der Ringe

Der britische Schriftsteller und Philologe J. R. R. Tolkien veröffentlichte 1954/55 eines der kommerziell erfolgreichsten Romanwerke des 20. Jahrhunderts. In dem dreiteiligen Klassiker der Fantasy-Literatur begegnen wir vier Hobbits und einer Vielzahl von Gestalten: Elben, Zwergen, Orks, Trollen sowie Menschen aus West, Nord, Ost und Süd. Die darauf basierende Filmtrilogie von Peter Jackson, die sieben Oscars gewann, prägt seit den frühen 2000er-Jahren die Vorstellungskraft von Millionen – darunter auch jene der rechtskonservativen Regierung unter Giorgia Meloni, die seit Oktober 2022 eine der stabilsten Regierungen Italiens seit dem Zweiten Weltkrieg stellt. Meloni zitiert häufig aus dem Herrn der Ringe; ihre Politik fußt auf den Konzepten nationaler Identität und Souveränität, verbunden mit pragmatischer Außenpolitik und stabilen Beziehungen sowohl zur EU-Kommission als auch zu den USA.

Zur Halbzeit der Legislatur stellt sich die Frage, welche kulturelle Agenda die Koalition aus Fratelli d’Italia, Lega und Forza Italia verfolgt. Melonis Regierung hat wohl ihren Lieblingsantagonisten Gramsci gelesen und versucht nun, kulturelle Hegemonie von rechts. Doch wie sieht die Kultur von Mittelerde aus? Das wollte Giuseppe Cosenza, der auch für Il Sole 24 Ore schreibt, für uns herausfinden. Er wandte sich an den zuständigen Kulturminister Alessandro Giuli und stellte ihm zum Abschluss seines Artikels einige grundlegende Fragen:
„Welche kulturellen Initiativen wollen Sie in den kommenden Jahren fördern? Was sind Ihre politischen Prioritäten? Welche Rolle werden sprachliche und kulturelle Minderheiten künftig in der Kulturpolitik spielen?“ Ein Interview wurde jedoch nicht gewährt. Auf Nachrichten, E-Mails und Anrufe kam keine Reaktion. Dennoch hoffen wir gezeigt zu haben, dass auch die politische Rechte Kultur als politische Agenda einzusetzen versteht – ganz so, wie es in Rom lange Zeit für die Linke üblich war. So berichteten es uns politische Insider, die zunächst Beiträge für dieses Heft zusagten, sich dann aber rasch zurückzogen. In Rom ist Vorsicht geboten. In dubio abstine.

Hannes Egger / Haimo Perkmann

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