Am 4. Juli 2026 feiern die Vereinigten Staaten von Amerika ihren 250. Geburtstag. Aus diesem Anlass veröffentlichte die Geschichtsprofessorin Beverly Gage von der Yale University This Land Is Your Land: A Road Trip Through U.S. History. In ihrem Buch erzählt sie die Geschichte der USA seit der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776 genauso, wie sie von vielen US-Amerikaner*innen erlebt wird, als Roadtrip zu Museen, Souvenirläden und Schlachtfeld-Nachstellungen. Auf ihrer Reise zu den dreizehn von ihr gewählten Orten der Geschichte – darunter auch Disneyland – geht sie insgeheim der Frage nach, die viele Bürger*innen der Vereinigten Staaten bewegt: Geht über unserer Republik die Sonne auf oder unter? Schließlich zeigen Umfragen ein tiefes Gefühl der Unsicherheit, ja sogar der Bestürzung darüber, wo das Land steht und wohin es sich möglicherweise bewegen wird.
Auch wir möchten nicht nur zum Geburtstag gratulieren, sondern mehr verstehen und versammeln deshalb unterschiedliche Stimmen, um ein vielschichtiges Bild der USA zu vermitteln. Ich selbst habe im Herbst 2025 drei Monate in New York City verbracht. Aus meinen Recherchen in der dortigen Kunst- und Kulturszene sind Kontakte entstanden, die nun darüber nachdenken, wo die USA kulturell derzeit stehen. Eingeleitet werden diese Beiträge von Analysen aus Europa, die zu erklären versuchen, worüber und warum viele auf dem Alten Kontinent verständnislos den Kopf schütteln.
Was ich während meines Aufenthalts im Big Apple gelernt habe, ist, dass US-Amerikaner*innen ein anderes Verhältnis zur Materie als Europäer*innen haben. Das zeigt sich immer wieder in Kunstwerken, die groß und schwer sein dürfen. Außerdem habe ich verstanden, dass Politik viel mit Karneval gemeinsam hat: Die No Kings Kundgebungen erschienen mir wie fröhliche Paraden, ähnlich den Thanksgiving-Umzügen wenige Wochen später – manche schrillen Verkleidungen tauchten sogar in der Weihnachtszeit auf. Der grelle Ton von Trillerpfeifen hingegen – sofern er nicht von Schulparaden stammt – ist keineswegs harmlos, besonders in migrantisch geprägten Vierteln: Er dient dort als Warnsignal der Nachbarschaft, dass die ICE die Straßen durchkämmen und nach illegalisierten Einwander*innen suchen.
Hannes Egger
