#165/166: Facetten der Autonomie

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde der Begriff Autonomie wohl erstmals durch Immanuel Kants Definition: „Freiheit und eigene Gesetzgebung des Willens sind beides Autonomie.“ (GMS III, Abs. 9, S. 450), und an anderer Stelle im selben Abschnitt: „Was kann denn wohl die Freiheit des Willens sonst sein als Autonomie?“ Der Königsberger Denker hatte dabei wohl die griechischen Wurzeln des Begriffs (autós für selbst, nómos für Gesetz) im Sinn.

Kant war sich der damit einhergehenden Problematik durchaus bewusst und unternahm nicht wenige „idealistische“ Verrenkungen, um die Autonomie als „Freiheit des Willens“, aber nicht als Willkür zu definieren. Die Frage: „Bin ich frei, zu tun was ich will?“, beantwortet Kant im Grunde mit „ja“, allerdings kann ich unter bestimmten Prämissen, dem Kantschen Imperativ zufolge, vieles gar nicht wollen.

Philosophisch gesehen, meint Autor Georg Siller in seinem begriffsgeschichtlichen Beitrag, „ist Autonomie zwecklos. Das heißt, sie hat keinen Zweck, sondern ist Zweck.“ Weitere Facetten der Autonomie besprechen Alexander Koensler und Roger Pycha, welcher als Primar der Psychiatrie
die Autonomie des Sterbens und die Gesetzeslage zur Sterbehilfe in Europa, auch unter geschichtlichen Aspekten, zusammenfasst. Koensler lebt in Umbriens malerischer Hauptstadt Perugia, wo er als Uni-Professor für Sozialanthropologie und Hobby-Imker die jüngsten Entwicklungen im schwer durchforstbaren Dickicht der italienischen Nahrungsmittelproduktion reflektiert. Rebellische Landwirt*innen und Direktvermarkter geben sich nicht zufrieden mit teurenLabels und Kompromissen. In völliger Autonomie im Sinne der Selbstgesetzgebung verleihen sich die Produzent*innen des genuino clandestino selbst in wechselseitiger Kontrolle ihre Gütesiegel und Anerkennung.
Ein leidenschaftliches Plädoyer für die „Autonomie der Kunst“ hat Thomas Sterna für uns verfasst. Anlass hierzu war für den Künstler die Konfusion rund um die documenta in Kassel 2022, welche vor allem eines beweist: den schlimmen Zustand der medialen Berichterstattung in Zeiten tribalistischer Influencer*innen.

Haimo Perkmann / Hannes Egger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s