#147: Das Theater – ein Ort der Vielen

Vorhang auf!

Was kann Theater heute leisten? Hat es überhaupt noch gesellschaftspolitische Relevanz? Hatte es diese je? Fragen, welche die Musen nicht goutieren werden, die wir aber dennoch zu stellen gewagt haben. Natürlich wissen wir, dass die großen Bühnen in den Metropolen, aber auch in der Provinz, immer gut besucht sind. Aber wie weit reicht heute die gesellschaftliche Bandbreite dieser eklektischen Kunstform, die viel älter als die Oper und wahrscheinlich so alt wie die Menschheit ist, jenseits der reinen Unterhaltung?

Theater, meint Irene Girkinger, Intendantin der Vereinigten Bühnen Bozen, sei ein Ort der sozialen Aufmerksamkeit und eine Kunstform, die den Menschen ins Zentrum stellt. Sie trage somit entscheidend dazu bei, dass nicht jeder sich selbst überlassen wird. Doch wie kann Theater uns dabei hilfreich sein, dass wir uns nicht als vereinsamte Individuen ohne wirklichen Kontakt zur Außenwelt in das weite Netz der „Social“ Media zurückziehen, wie Sterne erst glühen, empfangen und senden, um irgendwann als kalte Sterne zu enden? – Vielleicht allein schon durch das gemeinsame Erleben. Publikum und Schauspieler*innen, Bühne und Bühnenbild, Text und Szene, alles verschmilzt zu einem Moment, einer Handlung, einer Performance im hier und jetzt. Die einen interpretieren eine dramatische Narration auf der Bühne, die anderen sehen gebannt zu.

Im Gegensatz zum Film ist man hier mitten im Film. Dieses gemeinsame Erleben macht das Theater zu einer aktiven gesellschaftspolitischen Kunstform. – Und sei es ein Stück aus der fernen Antike, so-fern es zumindest in seiner Immanenz in die Gegenwart geholt wird, wie in Jean Anouilhs Tragödienadaption Antigone. Auch Opern- und Theaterregisseur Andrea Bernard weist darauf hin, dass reines Unterhaltungstheater voll technischer Innovation zu einer Ästhetik ohne Ethik führen würde, während zugleich die Inszenierung von Klassischen Stücken ohne Immanenz lediglich eine Musealisierung von Text und Musik wäre. Ein Stück „in unsere Zeit holen“ heißt also, weder antikisierend noch aktualistisch vorzugehen. Zurück in die Zukunft! ruft demgemäß Literaturwissenschaftler Toni Bernhart in die leergefegten Hallen der Archive.

Das Theater steht nie still, nichts ist echt, aber alles wahr; um uns vor Augen zu führen, woher wir kommen, was immer gültig ist und wohin wir weitergehen auf einem Weg, der erst im Gehen entsteht.

Haimo Perkmann

Download: Kulturelemente #147

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